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Gehirnerschütterung und Sport: Wann darfst du wieder zurück aufs Spielfeld? Gehirnerschütterung und Sport: Wann darfst du wieder zurück aufs Spielfeld?

Gehirnerschütterung und Sport: Wann darfst du wieder zurück aufs Spielfeld?

Das Return-to-Play-Stufenprotokoll, einfach erklärt

Du willst endlich wieder trainieren. Zurück aufs Rad, aufs Eis, auf den Platz. Gleichzeitig ist da diese Unsicherheit: Was, wenn es noch zu früh ist?

Die gute Nachricht zuerst: Mit dem richtigen Vorgehen kommen die allermeisten Sportler sicher zurück in ihren Sport. Der Schlüssel dafür ist ein stufenweiser Wiedereinstieg, auf den sich die internationalen Experten geeinigt haben: das sogenannte Return-to-Play-Protokoll [1].

In diesem Artikel zeige ich dir, wie dieser Stufenplan funktioniert, woran du erkennst, dass dein Nervensystem bereit ist, und warum eine zu frühe Rückkehr wirklich keine gute Idee ist.

Video: Zurück in den Sport nach Gehirnerschütterung

Im Video erkläre ich dir den kompletten Stufenplan Schritt für Schritt:

Das Video ist Teil drei meiner Serie zum Wiedereinstieg. Die Grundlagen zu Alltag, Schule und Beruf findest du im Artikel Wiedereinstieg nach Gehirnerschütterung: der Überblick.

Inhalt

  1. Die wichtigste Voraussetzung: Dein Alltag muss wieder funktionieren
  2. Das Return-to-Play-Stufenprotokoll: Level für Level zurück
  3. Warum zu früh zurück gefährlich ist: das Second-Impact-Syndrom
  4. Für Eltern, Trainer und Vereine: die Kurzfassung zum Teilen
  5. Häufige Fragen: Gehirnerschütterung und Sport

Die wichtigste Voraussetzung: Dein Alltag muss wieder funktionieren

Bevor wir über Training sprechen, kommt ein Punkt, den viele Sportler überspringen wollen. Sport ist die letzte Stufe der Genesung, nicht die erste.

Konkret heißt das: Wenn du deinen Berufsalltag oder deinen Schulalltag noch nicht ohne Symptome durchstehst, ist Teamtraining für dich noch zu früh. Dein Nervensystem zeigt dir damit, dass es die Grundlast noch nicht verkraftet. Dann verkraftet es die Zusatzlast Sport erst recht nicht.

👉🏻 Erst der Alltag, dann der Sport. Diese Reihenfolge schützt dich vor Rückschlägen.

Wie der Wiedereinstieg in Schule und Beruf gelingt, liest du im Überblick zum Wiedereinstieg. Und falls du gerade erst am Anfang stehst, helfen dir die wichtigsten Tipps für die ersten Tage.

Das Return-to-Play-Stufenprotokoll: Level für Level zurück

Stell dir den Weg zurück wie ein Videospiel vor. Du durchläufst verschiedene Levels, und jedes Level musst du bestehen, bevor das nächste freigeschaltet wird. So stellst du sicher, dass du dich keiner Gefahr aussetzt, bevor dein Nervensystem wieder voll belastbar ist.

Das internationale Konsensus-Statement von Amsterdam empfiehlt diesen stufenweisen Aufbau, bei dem jede Stufe mindestens 24 Stunden dauert [1]. Verschlechtern sich deine Symptome auf einer Stufe deutlich, gehst du einen Schritt zurück und versuchst es am nächsten Tag erneut.

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Level 1: Ausdauertraining ohne Symptome

Die Basis ist dein Herz-Kreislauf-System. Als Faustregel gilt: Du solltest etwa 20 Minuten auf dem Fahrradergometer bei rund 120 bis 125 Schlägen pro Minute fahren können, plus je fünf Minuten Warm-up und Cool-down, ohne dass deine Symptome zunehmen.

Noch genauer geht es mit etablierten Belastungstests wie dem Buffalo Concussion Treadmill Test oder dem Buffalo Concussion Bike Test [2]. Diese Tests passen die Empfehlung an deine aktuelle Leistungsfähigkeit an. Am besten führst du sie mit einer Fachperson durch, etwa einem Physiotherapeuten oder Leistungsdiagnostiker, denn für ein sauberes Testprotokoll braucht es zwei Personen.

Wichtig: Auch schnellere Läufe und Sprints sollten möglich sein, bevor du weitergehst. Bekommst du bei Sprints immer wieder Symptome, ist das ein Zeichen, dass dein Herz-Kreislauf-System und dein autonomes Nervensystem sich noch nicht vollständig erholt haben. Dann bleibst du noch beim Ausdauertraining.

Level 2: Intervalle und Krafttraining

Bleibst du bei Ausdauerbelastung symptomfrei, kommen Intervalltraining und Krafttraining dazu. Als Eishockeyspieler darfst du jetzt wieder aufs Eis und dort Sprints fahren. Als Handballer oder Fußballer machst du Intervallläufe auf dem Feld abseits des Teams.

Auch Krafttraining mit dem Team ist wieder möglich. Aber ganz wichtig: alles ohne Körperkontakt. Es darf noch keine Situation entstehen, in der eine erneute Verletzung droht.

Level 3: Eingeschränktes Mannschaftstraining

Funktionieren Intervalle und Krafttraining ohne Symptome, ist eingeschränktes Teamtraining freigegeben. Eingeschränkt bedeutet: weiterhin kein Körperkontakt.

Viele Mannschaften lösen das mit einem andersfarbigen Trikot. So wissen deine Mitspieler auf einen Blick, dass du aktuell nicht körperlich angegangen werden darfst.

Level 4: Volles Mannschaftstraining

Hast du das eingeschränkte Training über mindestens 24 Stunden symptomfrei absolviert, folgt das volle Mannschaftstraining, jetzt wieder mit Körperkontakt.

Level 5: Wettkampf

Verträgst du auch Körperkontakt ohne Symptomverschlechterung, darfst du wieder am Spiel oder Wettkampf teilnehmen. Willkommen zurück!

💡 Merke: Nicht der Kalender entscheidet, wann du zurückkehrst, sondern dein Körper. Jede Level gilt erst als bestanden, wenn sie ohne Symptomverschlechterung funktioniert.

Warum zu früh zurück gefährlich ist: das Second-Impact-Syndrom

Vielleicht denkst du: „Ein bisschen Kopfschmerz, das halte ich schon aus." Hier muss ich einmal deutlich werden, ohne dir Angst machen zu wollen.

Solange dein Gehirn noch nicht vollständig erholt ist, reagiert es empfindlicher auf eine erneute Erschütterung. Kommt in dieser Phase ein zweiter Schlag dazu, kann das im schlimmsten Fall zum sogenannten Second-Impact-Syndrom führen: einer sehr seltenen, aber lebensbedrohlichen Hirnschwellung, die vor allem bei jungen Sportlern beschrieben wurde [3].

Auch abseits dieses Extremfalls gilt: Wer mit Symptomen weiterspielt oder zu früh zurückkehrt, riskiert eine deutlich längere Genesung [4]. Die paar Tage, die du durch eine zu frühe Rückkehr „gewinnst", können dich am Ende Wochen kosten.

👉🏻 Deshalb die goldene Regel im Zweifel: Wenn du unsicher bist, raus aus dem Spiel. Kein Match ist wichtiger als dein Gehirn.

Was bei einer Gehirnerschütterung im Kopf überhaupt passiert, erklärt dir der Artikel Was ist eine Gehirnerschütterung? Definition und Symptome.

Für Eltern, Trainer und Vereine: die Kurzfassung zum Teilen

Dieser Abschnitt ist bewusst kompakt gehalten. Teile ihn gerne mit deinem Trainerteam, deinem Verein oder anderen Eltern.

Die 5 wichtigsten Punkte auf einen Blick:

1.   Bei Verdacht auf Gehirnerschütterung: sofort raus aus Spiel oder Training. Keine Rückkehr am selben Tag, auch wenn es dem Kind oder Sportler scheinbar schnell wieder gut geht.

2.   Erst Schule und Alltag, dann Sport.
Solange der Schul- oder Berufsalltag nicht ohne Symptome funktioniert, ist Teamtraining zu früh.

3.   Stufenweise zurück:
Ausdauer, dann Intervalle und Kraft, dann Training ohne Kontakt, dann Training mit Kontakt, dann Wettkampf. Jedes Level mindestens 24 Stunden, nur bei stabilen Symptomen weiter.

4.   Kein Körperkontakt, bis alle Vorstufen bestanden sind.
Ein andersfarbiges Trikot im Training macht das für alle sichtbar.

5.   Im Zweifel Fachperson einbeziehen.
Ärztliche Freigabe vor der Rückkehr in den Kontaktsport ist Pflicht, besonders bei Kindern und Jugendlichen.

Für Kinder und Jugendliche gilt das Protokoll übrigens besonders streng, denn ihr Gehirn ist noch in der Entwicklung. Mehr dazu findest du im Artikel Nach Gehirnerschütterung zurück in die Schule.

Häufige Fragen: Gehirnerschütterung und Sport

Wann darf man nach einer Gehirnerschütterung wieder Sport machen?

Frühestens nach 24 bis 48 Stunden relativer Ruhe, und dann stufenweise: erst leichtes Ausdauertraining, später Intervalle und Kraft, zuletzt Kontakttraining und Wettkampf. Jedes Level dauert mindestens 24 Stunden und gilt nur als bestanden, wenn die Symptome sich nicht verschlechtern. Wie lange der gesamte Weg dauert, ist individuell verschieden.

Wie lange kein Sport nach einer Gehirnerschütterung?

Eine pauschale Wochenangabe gibt es nicht. Entscheidend ist nicht die Zeit, sondern ob du die Levels des Return-to-Play-Protokolls ohne Symptomverschlechterung durchläufst. Realistisch dauert der komplette Weg zurück in den Kontaktsport meist mindestens zwei Wochen, oft länger.

Was ist das Return-to-Play-Protokoll bei Gehirnerschütterung?

Ein international anerkannter Stufenplan aus dem Konsensus-Statement von Amsterdam [1]: symptomlimitierte Alltagsaktivität, leichtes Ausdauertraining, sportartspezifisches Training, Training ohne Körperkontakt, volles Kontakttraining und zuletzt Wettkampf. So kehrst du sicher zurück, ohne dein Gehirn einer erneuten Verletzung auszusetzen, bevor es bereit ist.

Darf man mit leichten Symptomen trainieren?

Leichtes Ausdauertraining unterhalb der Symptomschwelle ist meist sinnvoll und kann die Erholung sogar unterstützen. Kontaktsport ist dagegen tabu, solange Symptome bestehen. Nehmen deine Beschwerden bei Belastung deutlich zu, ist das ein Zeichen, einen Schritt zurückzugehen.

Was passiert, wenn man mit Gehirnerschütterung weiter Sport macht?

Wer mit Symptomen weiterspielt, riskiert eine deutlich verlängerte Genesung [4]. In der noch nicht erholten Phase kann ein erneuter Schlag im schlimmsten Fall zum sehr seltenen, aber lebensbedrohlichen Second-Impact-Syndrom führen [3]. Deshalb gilt: bei Verdacht sofort raus aus dem Spiel.

Du willst sicher zurück in deinen Sport?

Jeder Sport und jeder Verlauf ist anders. Ein Motocross-Fahrer braucht einen anderen Plan als eine Handballerin. Wenn du dir unsicher bist, wo du gerade stehst oder wie du die Stufen für deine Sportart umsetzt, dann lass uns sprechen. Das Erstgespräch ist kostenlos und unverbindlich.

Falls deine Symptome schon länger als vier Wochen anhalten, lies außerdem den Artikel Postkommotionelles Syndrom, alles was du wissen solltest. Alle weiteren Beiträge findest du in der Blog-Übersicht.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder therapeutische Beratung.

Quellen

1.   Patricios JS, Schneider KJ, Dvorak J, et al. Consensus statement on concussion in sport: the 6th International Conference on Concussion in Sport, Amsterdam, October 2022. Br J Sports Med. 2023;57(11):695-711. doi:10.1136/bjsports-2023-106898

2.   Leddy JJ, Willer B. Use of graded exercise testing in concussion and return-to-activity management. Curr Sports Med Rep. 2013;12(6):370-376. doi:10.1249/JSR.0000000000000008

3.   Cantu RC. Second-impact syndrome. Clin Sports Med. 1998;17(1):37-44. doi:10.1016/s0278-5919(05)70059-4

4.   Asken BM, McCrea MA, Clugston JR, Snyder AR, Houck ZM, Bauer RM. "Playing Through It": Delayed Reporting and Removal From Athletic Activity After Concussion Predicts Prolonged Recovery. J Athl Train. 2016;51(4):329-335. doi:10.4085/1062-6050-51.5.02

Physiotherapeut mit Schwerpunkt Sportphysiotherapie und spezialisiert auf Gehirnerschütterungen. Er forschte am Swiss Concussion Center und begleitet Betroffene in der Schweiz und online auf ihrem Weg zurück in Alltag, Beruf und Sport.

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